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Albert Richter - Ein Radstar gegen die Nazis

Jung, dynamisch und voller Lebenshunger. So stellt sich der blonde, etwas unscheinbar wirkende Bursche vor. Bei Werner Modein, einer der Kölner Radsportgrößen der zwanziger Jahre. Albert Richter heißt der 15jährige, der einfach mal so beim Training vorbeischaut. Nicht mit einem Rennrad, sondern mit einem einfachen Tourenrad. Mit einigen Talenten spult er seine Kilometer runter, auf den letzten 100 Metern fordert Modein einen Spurt. Richter gewinnt ihn nicht, kommt aber trotz seines Handicaps ganz nah heran. Die Stunde, in der ein Jahrhunderttalent entdeckt wird.
Dabei darf er gar nicht aufs Rad. Vater Johann will aus seinen Söhnen Musiker machen. Seine Brüder beherzigen das. Josef spielt Klarinette, Karl Saxophon. Albert nimmt Geigenunterricht.
Doch das behagt ihm nicht. Als Modelleur verdient er nicht viel, muß einen Teil des Geldes auch noch an seinen Musikprofessor abdrücken. Und die erste Geige spielt bei ihm ohnehin der Radsport.
Ein Traum, den er sich erfüllt. Das Rebellische in Albert veranlaßt ihn, der väterlichen Vorgabe nur zum Schein zu folgen. Er läßt sich von Modein ein Rennrad besorgen, fährt erste Rennen. Die Preise, die er gewinnt, versteckt er unterm Bett. Zu Hause merkt niemand etwas. Bis er erstmals schwer stürzt, sich das Schlüsselbein bricht. Sein Vater tobt vor Wut. Er droht, Albert das Rennrad zu zertrümmern. Doch der bleibt stur. Wie immer.
Richter trainiert weiter, startet in kürzester Zeit eine bemerkenswerte Karriere. 1932 wird er mit 19 Jahren Fliegerweltmeister, wechselt danach ins Profilager. Dort bestreitet er sein erste Rennen an seinem 20. Geburtstag. In seiner Heimatstadt Köln besiegt er den Belgier Jef Scherens, seinen späteren Erzrivalen, der gleichzeitig einer seiner besten Freunde wird. Dann zieht es ihn nach Frankreich. Erst findet er sich dort überhaupt nicht zurecht. Das fremde Land, die fremde Sprache. Sogar Hochdeutsch spricht der kölsche Jung höchst ungerne. Doch er beißt sich durch, gewinnt zahlreiche Rennen und wird zum umjubelten Star. Albert Richter hat bis jetzt alles erreicht, was er wollte. Sich gegen alle Widerstände durchgesetzt. Doch nun beginnt ein Kampf der anderen Qualität. Er wehrt sich gegen das Nazi-Regime. Spricht in diesem Zusammenhang immer nur von "den Machenschaften dieser Verbrecher".
1934 sorgt er für einen Eklat. Die WM in Leipzig. Alle deutschen Radsportler heben den rechten Arm. Der Hitler-Gruß. Nur der von Richter bleibt unten. Zu seiner grundsätzlich ablehnenden Haltung kommt hinzu, daß sein Manager Ernst Berliner Jude ist.
Aber das Regime läßt Richter zunächst weitgehend in Ruhe. Zu viele Erfolge holt er für Deutschland.
Doch der Druck wächst. Immer seltener hält sich Richter in Deutschland auf. Immer häufiger steht die Gestapo bei seinen Eltern vor der Tür. Albert Richter soll für die Nazis im Ausland spionieren. Er weigert sich. Auch, als die Nazis während eines Köln-Besuchs persönlich Druck ausüben.
Berliner rät ihm nun, sich gar nicht mehr in Deutschland aufzuhalten. Doch Richter startet im Dezember 1939 noch einmal beim Großen Preis von Berlin. Es wird sein letztes Rennen.
An Silvester steigt Richter in einen Zug. Nun will er sich endgültig in die Schweiz absetzen, setzt sich um 9.16 Uhr in den Zug nach Basel. Neben einem Koffer nimmt er auch ein Rennrad mit. In den Reifen versteckt er 12 700 Reichsmark. Sie gehören Alfred Schweizer, einem jüdischen Geschäftsmann aus Köln. Richter hat versprochen, dem Flüchtling das Geld in die Schweiz zu bringen.
Dazu kommt es nicht mehr. Um 17.34 Uhr gerät er in Weil am Rhein in eine Zollkontrolle. Er ist offenbar verraten worden.
Die Beamten schlitzen die Reifen auf, finden Geldnoten. Richter wird festgenommen, kommt ins Gerichtsgefängnis von Lörrach. Dort wird er am Morgen des 3. Januar tot aufgefunden. Offizielle Version: Er habe sich in seiner Zelle erhängt. Aus Scham über seine Tat.
Siegerehrung Deutsche Meisterschaft 1934
Auch hier bleibt der rechte Arm unten: Richter bei der Siegerehrung zur Deutschen Meisterschaft 1934 in Hannover.

Als sein Bruder Josef aber nach der Überführung des Leichnams den Sarg heimlich öffnet, stellt er Einschußlöcher an Albert Richters Rücken fest. Für seine Familie ist damit klar: Er war Mord. Eine sehr wahrscheinliche Theorie. Richtig aufgeklärt ist der Tod des großen Radsportlers aber bis heute nicht.
Aus: EXPRESS vom 15. Juli 1999 - Serie "Die rheinischen Jahrhundertsportler"
von V. Geissler und K. Schumann


 Der vergessene Weltmeister
Albert Richter Weitere Informationen zum Buch von Renate Franz findet Ihr unter der URL:

http://www.fraenzi.de/


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